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Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - Druckversion

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Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - tasscaff - 10.10.2014

Heute im 3sat Der verlorene Patient

Wer krank wird, hat ein Recht auf eine Heilbehandlung, denn dafür zahlt man jeden Monat Krankenversicherungsbeiträge. Umso größer ist der Ärger, wenn die Kasse sich weigert für medizinische Hilfe oder die soziale Absicherung zu zahlen.
Krankenkassen, Ärzte und Kliniken verweigern Patienten in Deutschland immer wieder ohne ausreichenden Grund medizinische Leistungen und Krankengeld. Das gehe aus der Analyse von 80.000 Beratungsgesprächen hervor, die die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) in der Zeit zwischen April 2013 und März 2014 durchführte.

Patienten werden offenbar häufig angerufen
Die Patienten fühlen sich auch häufig von ihren Ärzten schlecht informiert und von ihren Krankenkassen um ihre Ansprüche gebracht. Laut UPD haben etliche Betroffene das Gefühl, die Kasse setze sie unter Druck und dränge sie dazu wieder arbeiten zu gehen. Die Versicherten bekämen Telefonanrufe, in denen sie zur Rückkehr an den Arbeitsplatz aufgefordert würden......
Auch zu lesen unter:
http://www.3sat.de/page/?source=%2Fard% ... index.html

Man wird Zeit das ich wieder arbeite.


Re: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - Amy - 10.10.2014

interessanterweise habe ich heute im radio gehört dass die rechte der kassenpatienten absolut gestärkt werden in nächster zeit, z.b. bei terminen bei fachärzten oder auch bei reha-maßnahmen usw.

blicken die selber noch durch bei ihrem system, die politiker und krankenkassen? *nachdenklich*


Re: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - ungestyme - 10.10.2014

Amy die Stärkung der Rechte der Kassenpatienten ist leider so nicht umsetzbar. - schade, aber so isses!

Schnellere Termine sowieso nicht. - Die Crux ist, dass sämtliche Berechnungen der KVen auf Fachärztebdarf sich auf Daten von 1992 stützt. - In der Zwischenzeit ist die Gesellschaft älter und damit kränker geworden. Außerdem ist die Medizin vorangeschritten usw. Sprich die Berechnungen stimmen hinten und vorne nicht. Daher funktioniert das nicht, denn es gibt z.B. eine Reihe von Gyn. die könnten theeoretisch 24 h arbeiten, aber die KV hat in ihrem Niederlassungsgebiet zum Beispiel einen Ärzteüberschuss bescheinigt, den es aber real nicht gibt, ganz im Gegenteil und die KVen verbieten deswegen die Anstellung von weiteren Ärzten dort.

Unabhängige Statistiker kommen da in der bundesweiten Verteilung zu völlig anderen Ergebnissen. - Nur mal als Beispiel.

Mehr als arbeiten können die Gyns aber nicht. Und so lange ein Privatpatient für die selbe Leistung viel mehr bringt, was ich sowieso völlig daneben finde, schauen die Kassenpatienten systembedingt weiter in die Röhre. Und - BESONDERS KRANK - die privat versicherten müssen im Gegenzug dauernd schauen, dass keine unnötigen Untersuchungen (rein zum Geld verdienen) an ihnen gemacht werden, und die den Kassenpatienten auf der anderen Seite vorenthalten werden.

Die KVen sind zudem der unnützeste, teuerste und idiotischste Verein, den es gibt. (Ich kenne den Laden) und auch die Kassen versuchen natürlich auch nur auf ihre Vorteile zu schauen. Meine Kasse ist in 4 Jahren drei mal umgezogen, immer wurde der Bunker nobler! Sorry, wenn es etwas off topic ist, aber mich nervt das verlogene Politiker-Getue da total!


RE: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - Regenwurm - 04.03.2019

Das alles ist ein Riesenproblem. Und leider ist es so, dass sich viele Patienten an ihre Krankenkasse wenden und glauben, dass dort Hilfe zu bekommen ist. Das kann im Einzelfall durchaus mal so sein, aber oft ist das sicher nicht so. Grade bei den psychisch Kranken sitzt beim Krankengeld im Hintergrund ein "Case Manager" der auf's Geld schaut. Die versuchen an Befundberichte zu kommen, überrumpeln Kranke, machen Druck. Ich empfehle, mit Krankenkassen nur noch schriftlich in Kontakt zu treten und wenn's um wichtige Dinge geht, dann ist eine Mitgliedschaft bei den großen Sozialverbänden die einfachste Lösung, um billig an Rechtsberatung und Rechtschutz zu kommen. Ganz egal, ob's um Krankenkasse, Arbeitsamt oder Rente geht, bei den großen Sozialverbänden ist man richtig. Die erste Beratung ist meines Wissens nach auch kostenlos. Also wenn wo Ärger droht, dort zuerst hinwenden.

Mit den KVen. Ja, die schützen erst mal ihre Mitglieder und die haben kein Interesse, dass man ihnen Konkurrenz an ihrem Tätigkeitsort zulässt.

Was hilft?

Beschwerden, Klagen, Druck machen, an die Presse gehen. Dass einzelne Betroffene nicht an die Presse gehen, ist verständlich. Aber da müssten eben die Selbsthilfeverbände mal mehr tätig werden. Und Rechtschutz in Anspruch nehmen, wenn z.B. eine Therapie oder Krankengeld verweigert wird, kann jeder. Siehe oben. Sich wehren und sich bedeckt halten, wenn Behörden und Sozialversicherungsträger einen zu Unrecht ausspionieren wollen, ist wichtig.

Im Übrigen kann man auch bei den KVen was erreichen. Ich hab' in meinem Bundesland vor 2 Jahren eine gewaltige, umfassende Beschwerde eingereicht, die mit Argumenten nur so übergelaufen ist. Und siehe da, in der Folge wurden in unserem Bundesland neue Therapeuten zugelassen, obwohl Jahre lang eine Kassenzulassungssperre bestand. Die KVen können bei sog. "Sonderbedarf" Therapeuten neu zulassen, auch wenn die 110 %-Grenze erreicht ist. Im Übrigen geht bei besonderen Therapieverfahren auch noch das Kostenerstattungsverfahren, selbst in Bundesländern und Bezirken, wo man zuletzt 100 % Ablehnungen für das Kostenerstattungsverfahren hatte.

Das Problem ist immer, dass kaputte Menschen nicht die Kraft haben, zu recherchieren, nicht an die Infos kommen und sich an die falschen Stellen wenden, wo sie Hilfe suchen. Der Sachbearbeiterin von der KV oder der Krankenkasse die Hucke vollzuheulen nützt in der Regel nicht, sondern das Briefchen vom Anwalt oder vom großen Sozialverband. Die großen Sozialverbände können auch anonymisierte Anfragen an Sozialversicherungsträger usw. stellen, dh, man kann vieles vorher absichern und in Erfahrung bringen.

Es geht 'ne Menge, aber man muss halt wissen, wo und wie und was, braucht Ansprechpartner, die in der Materie drin sind und firm sind, Insider. Und wer hat die schon.

Grade für solche Themen sind Foren ideal, um sich da auszutauschen. Leider wird in den Foren zu 95 % lieber darüber geschrieben, wie bescheiden alles ist und wie man sich fühlt, wie schlecht es einem geht, aber an der Lösung arbeiten bzw. Input zur Problemlösung zu geben, können nur wenige. Die, die sich auskennen, sind auch selten krank (geblieben) und längst nicht mehr in Foren. Trotzdem ist es wichtig, dies in Foren zu fördern.

Auch bei mir ist viel schief gelaufen, bin viel zu spät an die richtigen Leute gekommen,an die richtigen Adressen, an die richtigen Institutionen, wodurch alles vermasselt wurde.

Im Zweifel ist es besser, sich von der ambulanten Therapieszene abzuwenden und bei Kliniken vorstellig zu werden, denn oft sind die besser informiert und besser aufgestellt, können anders abrechnen.

Was ich heute auch anders sehe, sind Psychiatrien. Früher war das nur Hölle, aber inwzwischen sind die zu zum Teil hochwertigen modernen Krankenhäusern geworden und haben oft bessere Lösungwege als ein ambulanter Therapeuten draußen. In Klinik-Teams ist oft einfach mehr Kompetenz gebündelt als beim Einzelkämpfer in der niedergelassenen Praxis.

Und was helfen würde?
Beschwerden an Politik und an die KVen, die Krankenkassen, an die Regierungspräsidien, an die Gesundheitsminsterien und und und...

Es fällt nicht vom Himmel. Und durchsetzen kann man Forderungen nur, wenn man deren Notwendigkeit sachlich begründen kann und dann hat mein eine echte Chance, durchzudringen, wenn man darstellen kann, dass es ökonomisch sinnvoller ist, die bisherigen Misstände aufzulösen.

Durch die ganze Psy-Szene muss ein Ruck gehen, das muss alles viel moderner werden, auch die Patienten müssen moderner werden, sich wehren, sich informieren, recherchieren und ihr Recht einfordern.

Das tun einfach noch viel zu wenige Patienten. Sie tun im kleinen privaten Bereich für sich zu wenig, lassen sich von Depressionen verschlucken, von Problemen runterziehen, umwerfen bei jedem Windchen, und was im Kleinen schief geht, machen sie in der großen Dimension Gesellschaft erst recht nicht, warten immer, dass andere sie retten und ihnen helfen, aber genau so spielen sie nur denen in die Hände, die an ihnen sparen wollen und die psychisch Kranke für ihre kommerziellen Zwecke wie Nutzvieh benutzen wollen.

Klar versagt die Politik und die Ärzteschaft und die Therapeutenschaft, das ganze System. Aber die Betroffenen versagen auch und das sollte man auch mal erwähnen, dass auch an der Stelle mehr drin wäre, wenn die Leute sich nicht so feige und unfähig anstellen würden.

Man muss sich schon auch mal überwinden, aus der sicheren Reserve rauskommen, was riskieren, das Maul aufreißen und mal für sich und andere kämpfen. Man muss auch mal der Sand im Getriebe sein.

Wenn alles veraltet und unpassend reguliert ist, dann hilft nur Aufklärung und politisch Druck machen. ich hatte Therapeuten, die haben gesagt: "Es ist nicht Ihre Aufgabe, für eine bessere Psychotherapie-Versorung zu sorgen, sondern unsere. Das müssen die Profis machen und andere.". Das ist Jahre her und es ist nicht viel passiert. Da hab' ich angefangen, selbst loszulegen und bin erstaunt, wie oft das schnellere Erfolge bringt als alles Andere. Patienten haben Macht, aber sie nutzen sie nicht. Das fängt an, wenn es um einen Krankenkassenwchsel geht, den man machen könnte, aber viele prüfen das nie. Es geht los, wenn man sich mit der Kasse um was streitet und gleich kleinbei gibt usw.

Oft wäre es nicht schwer, was für sich rauszuholen, aber man muss es eben einfordern, wenn's überhaupt klappen soll. Ich hau' auch regelmäßig unfähigen Therapeuten und Kliniken auf die Finger und siehe da, es ändert sich was, man lernt dazu, es gibt Modernisierungen, eine neue Haltung, neue Einstellungen und die Patienten kriegen was Besseres als davor.

Das kann keiner von heute auf morgen, aber man muss irgendwann mal damit anfangen, selbst an den Verkrustungen zu kratzen, die es bisher gibt.

Bei uns im Bundesland ist es definitiv besser geworden, wir haben inzwischen neue, jüngere, modernere Therapeuten mit spezialisierten Ausbildungen. Die Kliniken sind moderner geworden usw.

Man muss den Leuten auf die Füße treten, anders geht das nicht. Mein Ex-Psychiater war ein eingerosteter Arzt, der sich mit allem abgefunden hat, dann hab' ich ihn in Stand gesetzt und zusammengestaucht, warum er keine moderne Traumatherapie lernt, warum er die besten Kliniken des Landes nicht kennt und moderne Behandlungsmethoden nicht kennt, hab' ihn zur Sau gemacht bis zum Geht-nicht-mehr. Damals hat er in Internet-Bewertungen oft recht übel abgeschnitten. Nach meinem Anpfiff kletterte er hoch bis zur 1,2.

Es liegt nie nur an den einen, sondern es ist ein Zusammenspiel, wer wie agiert, wer was fordert, wer wo vorstellig wird. Man muss sich zu Wort melden, auch an die Presse gehen, wenn es vielleicht nur um Aufklärung und Sachinfos geht. Wenn man Glück hat, dann landet das mal richtig oben auf der Liste der Journalisten.

Zu Hause hinsitzen und heulen, dass alles so schlecht ist, bringt leider gar nichts, aber natürlich ist das einfacher, als sich für sich selbst den Weg freizuschießen.

Ich weiß heute definitiv, wie ich an Therapie komme, wo juristische Schlupflöcher sind und und und.... Natürlich könnte ich auch keine 10 Jahre Therapie mit 2 Wochenstunden rausholen. Aber ich komm' an mehr ran als andere, weil ich weiß, wo man juristisch einhaken kann. Ich hab' schon einige Therapeuten und Kliniken in Erstaunen versetzt, wenn ich aufgezeigt habe, was alles machbar ist und was man versuchen kann, was teilweise sogar erfolgreich klappt.

Es grüßt herzlichst der Regenwurm


RE: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - Anja40 - 04.03.2019

Puh, ein schwerer Text von dir am Anfang.

Irgendwie habe ich Bauchschmerzen bei ihm.

Ich glaube, es gibt hier einige im Forum und dazu zähle ich mich auch, die durften niemals reden, „jammern“ oder irgendein Gefühle äußern, vielleicht wäre das sehr gefährlich gewesen. Vielleicht erleben diese/ich hier zum ersten Mal, dass man das eben doch ein wenig darf. Und dafür ist ja auch ein Forum da.
Es gibt dann durchaus Teile in mir, die von deinem Text sehr eingeschüchtert sind und die direkt Fluchtgedanken bekommen und das alte Muster anschmeißen, dass ich selber schuld habe und nur stärker sein müsste und mich mal nicht so anstellen soll und ich ja eigentlich nur mal den Mund aufmachen müsste usw.

Dies ist sicherlich von dir nicht gewollt aber der Text kommt schon mit einer gewissen Wucht hier an, zumindest bei mir.

Und fachliche Dinge sind toll und gut, ich zum Beispiel aber verstehe sie oft nicht. Der Kopf versteht die durchaus, das ist überhaupt nicht das Problem aber sie werden Innen nicht verstanden, es ist schwer zu beschreiben. Umso wichtiger finde ich, dass beides in einem Forum geht und dass beides sein darf.

Es ist schön, dass du so viel kämpfen und erreichen konntest, das freut mich. Manche Wege aber sind leiser und führen hoffentlich auch zum Ziel und es ist gut, dass jeder seinen eigenen finden muss, ohne dass ein andere in bewertet.

Dir liebe Grüße und einen guten Start im Forum

Anja


RE: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - Anja40 - 05.03.2019

Aber weißt du, was ich grad merke? Dass es ja eigentlich auch um die Krankenkasse und so ging und nicht um anderes. Irgendwie habe ich das auch ein bisschen durcheinander gebracht weil ich so überrascht war.

Also, ein bisschen von mir am Thema vorbei :-) und ein bisschen vielleicht passend :-)

Liebe Grüße
Anja


RE: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - Regenwurm - 05.03.2019

Hi Anja,

nein, ich wollte Dich und keinen anderen einschüchtern. Vielleicht hätte ich eine Triggerwarnung drüber schreiben sollen, denn das der Text triggert, sieht man ja an Deiner Reaktion. Dass ein Mensch eine gewisse Kraft und Stärke hat, bedeutet noch längst nicht, dass er diese gegen Dich einsetzen will oder wird. Da wären noch viele weitere Zwischenschritte nötig. Das sollte man sich immer bewusst machen, wenn man vor jemandem Angst hat, denn der will vielleicht gar nix von Dir, auch wenn er martialisch rüber kommt.

Sowas zu machen, dass man sich zumindest ein bissl fachkundig mal wehrt, kann auch nicht jeder. Ich schätze mal kein Anfänger oder Therapieneuling kann das, denn er hat ja selbst null Durchblick, wenn er da krank wurde, alles sich dreht und er sich in einer anderen Welt wiederfindet, wo weder auf's Außen noch auf's eigene Innen Verlass mehr ist. Da hat man schon genug mit sich zu tun.

Auf der anderen Seite denke ich aber, dass es auch viele Leute gibt, die recht erfahren sind und die eigentlich in der Lage wären, dass sie sowas mal machen. Aber oft sind die bei guten Therapeuten, kennen sich aus und leben nach dem Motto:"Hauptsache, mir geht's gut. Was gehen mich die anderen an.". Und da gibt's so viele Patientinnen, die früher geschädigt wurden, die das heute wissen und die still irgendwo hocken und nie den Mund aufmachen.

Ich glaube, wenn nicht soviele still und feige geschwiegen hätten, dann hätten wir schon längst eine bessere, neue Psy-Medizin und andere Bedingungen gehabt. Ich glaube, da wäre viel vermeidbar gewesen, wenn sich frühere Generationen von Patienten mal getraut hätten, für die Sache einzutreten.

Auch ich hab' Angst, wenn ich sowas tue. Auch für mich waren die ersten deftigen Beschwerden schwer. Man muss sich überwinden, wenn man seine Meinung offen und öffentlich nach außen vertritt, wenn man sich gegen Kostenträgerentscheidungen wehrt, wenn man nach schlecht gelaufenen Therapien die Behandler zur Rechenschaft zieht. Das kostet jeden Menschen Überwindung und jeder muss, wenn er sowas macht, mit negativen Gefühlen, Ängsten und negativen Reakionen und neuen Enttäuschungen rechnen und damit klarkommen.

So gut wie ich es verstehe, dass man oft einfach nicht kann und in den ganzen fürchterlichen Gefühlen stecken bleibt, wo man einfach wie gelähmt ist, so schlecht ist es auch für diese Patienten. Man muss da mal drüber rauswachsen und das kostet Eigeninitiative, Kraft und Mut, das ist anstrengend. Dem muss man sich langsam nähern, sonst schafft man das nie.

Für viele wird es zu früh sein, sowas von ihnen zu fordern, weil sie einfach noch nicht so weit sind. Das ist auch eine Entwicklung, die dem voraus gehen muss. Wenn das Gehirn noch nicht soweit ist, dann kann der Mensch das nicht tun.

Ich hab' nach einer EMDR-Set fast am Ende der Bearbeitung des einen Traumas vom Therapeuten die Frage gestellt bekommen:"Was haben Sie daraus gelernt?". Ich wollte den Thera noch fragen, wie er das meint, aber er hat einfach mit den Augenbewegungen weitergemacht, das Gehirn hat gerattert und dann war er durch, hat aufgehört mit den Augenbewegungen. Ich war einen Moment total baff und wusste gar nichts mehr, doch dann kam eine gewisse Konzentration und das Gehirn machte alles wie von alleine. Dann sagte ich wütend und bestimmt:"Ich werde mich - wenn es mir schlecht geht - nie wieder hinsetzen und warten, dass mir jemand hilft. Ich werde mir selber helben und nicht auf andere Leute warten, die eh nie helfen werden.". Der Therapeut rieß kurz überrascht die Augen auf und meinte dann mit einem zufriedenen Grinsen: "SEHR GUT.".

Das ist es, worum es in einer Traumatherapie geht:
Rauskommen aus dem Schock, in dem man bewegungslos und wirkungslos nur noch Objekt des ganzen Geschehens ist, nur der Spielball von anderen ist, alles mit sich machen lässt, und selbst aktiv werden, wieder zum Herr der Lage werden, sich wehren, selbst was tun, nicht in der Opferrolle auf die Retter und Rettung warten, sondern sich selbst beschützen und stabil halten lernen. Der Halt muss aus sich selbst kommen.

Das gilt für alle Lebensbereiche und auch für den Umgang mit Behörden und sonstigen Naturkatastrophen und Menschen.

Das das nicht einfach so geht, wenn man Jahre bzw. vielleicht sogar Jahrzehnte eingeschüchtert wurde, ist klar.

Aber es ist das Ziel, das zu erreichen. Und da muss ich manchmal doch manche Patientinnen kritisieren, die sehr lange Therapie haben oder auch schlechte, die blockiert, die aber auch Lebenserfahrung haben, aber aus allem nichts gemacht haben. Es geht nicht nur drum, in Therapien was zu lernen, sondern das Leben ist überall ein Trainingsplatz und man muss in Eigenregie lernen, von sich aus. Wenn eine z.B. 50-Jährige heute noch immer agiert wie sie das vor 20 Jahren getan hat, ohne mal stärker und mutiger zu werden, dann hat sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Es geht nicht drum, dass man dies und jenes ja mit so und so viel Lebensjahren können müsste. Jeder ist verschieden, hatte unterschiedliche Bedingungen. Aber im Laufe der Zeit muss man sich entwickeln und dazu lernen. Wenn ich in 20 oder 30 Jahren nichts dazu gelernt habe, dann hab' ich in meiner persönlichen Entwicklung versagt. Das wollen die meisten nicht gerne hören, aber es ist auch Fakt. Es geht auch nicht um Bewerten, sondern eher so zu zeigen, was die Konsequenzen sind, wenn sich keiner was traut und alle nur ducken und schlucken, wie die Umstände sind. Ich denke, dass da in den Generationen zuvor wirklich zu wenig Kampfgeist und Mut an den Tag gelegt wurde, sonst hätten wir heute nicht solche Verhältnisse. Es gehören immer zwei dazu: Einer, der es macht, und einer, der es mit sich machen lässt. Natürlich gilt für Kinder und Jugendliche was anderes als für Erwachsene. Geschädigte Erwachsene werden sich wieder verhalten wie in der Kindheit gelernt, so wie der Elefant, der als Jungtier angebunden wurde, später sich auch anbinden lässt und nicht mehr Gegenwehr an den Tag legt, weil er als Kind lernte, dass er machen kann, was er will, er kann von dem Strick nicht wegkommen. Sich das bewusst zu machen, dass man es trotz aller negativen Gefühle wagen muss, um es schaffen zu können, ist ein zentraler Schritt nach vorne. Und wenn es trotz allen Bemühungen nicht geht, dann ist es so stark im Gehirn verankert, dass man eben mit Traumaaufarbeitung da ran muss, weil's auf der rein kognitiven Ebene nicht zu bewältigen ist.

Es gehört zu allem Überwindung, der Entschluß, es anders zu machen als früher. Sich vorwagen ist keine einfache Sache, aber wenn man es nie versucht, wird man darin nie sicherer werden.

Und ich weiß auch, dass es viele gibt, die so als Kind und im weiteren Leben fertig gemacht wurden, dass das ganze Gehirn voller Trigger hockt, die ständig anspringen, von denen kann man in der Tat nicht verlangen, dass sie noch für ein besseres Gesundheitswesen kämpfen können, die haben alle Hände voll damit zu tun, diese ganzen Trigger jeden Tag auszuhalten und mühseelig zu lernen, wie sie das unter Kontrolle kriegen können.

Sorry, wenn ich da mit viel Wucht daher komme. Ich sag' schon, was ich denke. Aber ich bin kein Unmensch und ich weiß, dass es Grenzen gibt, dass Menschen nicht endlich mit Forderungen zugeschüttet werden dürfen, wenn sie eh schon völlig überfordert sind. Ich verstehe, wie es den Menschen geht, aber ich hoffe auch, dass sie mal an den Punkt kommen, wo sie sich nicht mehr eingeschüchtert fühlen oder einschüchtern lassen, sondern da mal rausfinden.

Es ist ganz klar: Jeder Mensch ist anders, jeder hat seine eigenen Erfahrungen, seinen eigenen Bausatz, sein eigenes Strickmuster, es wäre dumm, von jedem Menschen, immer, in jeder Situation genau die gleiche Leistung zu fordern. Alles über einen Kamm scheren ist dumm und nie angebracht. Das weiß ich auch.

Der Regenwurm wünscht Dir was!

:-)

PS Weißt Du, es wird nie jemand kommen, der Euch eine Erlaubnis erteilt, dies oder jenes zu tun. Erwachsene Menschen entscheiden selbst und deshalb kommt niemand auf die Idee, dass Ihr drauf wartet, ein Signal zu bekommen, dass ihr was tun dürft oder nicht. Ihr müsst Euch dafür entscheiden oder dagegen. Es ist Euer Ding, für Euch zu entscheiden.

Und wenn Dich der Text hier sehr antriggert, was ich denke, dann würde ich mich an Deiner Stelle jetzt wirklich mit Skills da rausholen. Ob Skills greifen oder nicht, ist ja auch immer offen, man kann sie nur trainieren und hoffen, dass es klappt.

Durch die Skills sollte es jedoch so sein, dass dieser Text nicht mehr die Wucht hat und weniger antriggert. Das wäre der Schritt in die richtige Richtung, wo man anfängt, Stabilität aufzubauen, bis man eines Tages dann auch sich richtig wehren kann, gezielt was für sich tun kann, wo es nicht mehr nur Aushalten ist, sondern das Leben bewusst gestaltet wird.


RE: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - Regenwurm - 05.03.2019

Ja, ja, wir sind ein bissl im OT gelandet. Das finde ich jetzt aber auch nicht tragisch.

Zum Thema Krankenkasse und so hab' ich ja genug geschrieben und da kann der rote Faden im Thread ja weitergehen. Die KK und die KVen sind im Psy-Sektor oft der Anlass für Bauchkrämpfe, neben unfähigen Therapeuten und Ärzten eins der schlimmsten Hindernisse.

Was ich toll finde, ist, dass es die ersten Krankenkassen gibt, die Online-Therapien bezahlen. Leider gibt's da noch nichts für Traumapatienten.

Das wäre toll, wenn da was käme, als Regelleistung der GKV.

Ich hab' neulich bei uns bei der Gemeinde bei der Städteentwicklung angerufen, die waren auch recht ratlos und haben gemeint, dass sich die Leute beschweren sollen. Wenn die KVen mal jeden Tag Tausende von Beschwerde-Mails im Postfach hätten und x Briefe, die sonstigen zuständigen Stellen und die Krankenkassen massenweise Kündigungen bekämen mit dem Hinweis, dass es bei anderen KK bessere Angebote für psychisch Kranke gibt, dann würde sich schnell viel ändern. Aber von allein kommt das nicht.

:-)


RE: Wenn die Krankenkasse nicht zahlt - ungestyme - 05.03.2019

Also das reicht jetzt erst mal zu dem Thema, würde ich sagen. Diese Diskussion weiter zu führen bringt an der Stelle hier nichts.